Es fällt nicht leicht, die allgemeinen Bemerkungen zu meiner konstruktivistischen Grundhaltung nicht ins Uferlose auszudehnen. Es gäbe so viel dazu zu sagen! In diesem zweiten Teil seien mir noch einige (wenige) grundsätzliche Überlegungen gestattet, bevor ich das Themengebiet mit dem dritten und vierten Teil (hat doch mehr Platz gebraucht als ich dachte) schließe.
- Wirklichkeit, Wahrheit, Beobachter
Ist also die ‚Wirklichkeit’ das Ergebnis von Konstruktionsprozessen, so wird sie von uns selbst geschaffen. Heinz von Foerster zufolge geschieht das in einem „unendlichen und in beständiger Zirkularität ablaufenden Vorgang“.[1] Es werden konstant Wechselwirkungen (jaja) erzeugt, die letztlich zur Erschaffung/Erfindung von Objekten wie auch von Mitmenschen führen. Das konstruierende Individuum wird Beobachter genannt. Der Begriff wurde von Humberto Maturana eingeführt: „Alles was gesagt wird, wird von einem Beobachter gesagt. […] Jede Erklärung des kognitiven Prozesses muss den Beobachter und seine Rolle in diesem Prozess erklären.“[2] So baut sich der Beobachter eine ‚Wirklichkeit’, die er in einer externen, von ihm unabhängigen Außenwelt vermutet.[3] Die Existenz einer solchen Außenwelt mit Objekten und Mitmenschen wird dabei nicht grundsätzlich geleugnet,[4] sie ist jedoch nicht unabhängig von dem jeweiligen Beobachter – also voraussetzungsfrei – erkennbar.[5]
Ist es dem Individuum aber unmöglich, Übereinstimmungen zwischen seinen Erfahrungen und Dingen/Personen in einer vermeintlichen Außenwelt festzustellen, ist das Konzept von ‚Wahrheit’ – verstanden als Korrespondenz zwischen Außenwelt und Vorstellung[6] – obsolet. Heinz von Foerster geht noch weiter, indem er sagt, dass derjenige, der von Wahrheit spricht, den anderen zu einem Lügner macht; er möchte diesen Begriff gänzlich zum Verschwinden bringen.[7] Alternativ bietet er die Idee des „Vertrauens“ an.[8] Anstatt den anderen dazu zu bringen, eine vermeintliche, also ‚meine Wahrheit’ zu akzeptieren, sollte ich lieber um Vertrauen in meine Erfahrungen werben. Der Bezug auf eine Außenwelt, die keine anderen Möglichkeiten zulässt, also als ontisch gegeben angesehen werden muss, entfällt dann.
- Sprache und Beziehungen
Wenn aber so gar nichts mehr verlässlich sein soll, wie können wir sinnesunsicheren Menschen überhaupt in Kontakt, in Beziehung miteinander treten? Einfach ist das nicht. Mal wieder. Und ausgerechnet unser Hauptkommunikationsmittel, die Sprache, ist nicht unbedingt hilfreich. „Die Sprache, in der unsere Gedanken formuliert werden müssen, ob Englisch, Deutsch oder irgendeine andere, ist von demselben naiven Realismus geprägt, der das Alltagsleben durchdringt, und auch von den Propheten, die überzeugt waren, den Zugang zur absoluten Realität zu besitzen.“[9]
Will heißen: „Der Benutzer einer Sprache muß daher annehmen, daß jede Re-Präsentation, die er mit einem Wort assoziiert hat, den Re-Präsentationen ähnlich ist, die das Wort bei anderen Benutzern der gleichen Sprache aufruft. Diese Annahme eines derartigen Parallelismus ist die Voraussetzung dessen, was gemeinhin „Kommunikation“ genannt wird.“[10]
Aber:
- Sprache verläuft linear; was ausgedrückt werden soll, kann vom Sprechenden nur in einer Reihenfolge angeordnet werden. Sprache trägt also Wechselwirkungen – zwischen dem, was der Sprechende wahrnimmt und dem was er sagt, zwischen den komplizierten Vorgängen und Hintergründen der Erfahrungen des Sprechenden und Zuhörenden, zwischen Sprechendem und Zuhörendem allgemein, u.v.m. – nur bedingt Rechnung. Wir können unsere Sprache, die sich über lange Zeit entwickelt hat und immer weiter entwickelt, kurzfristig nicht grundsätzlich ändern oder eine (bzw. sehr, sehr viele) neue Sprache erfinden, die der Komplexität unseres In-der-Welt-Seins gerecht wird. Aber wir können und sollten uns ihrer Beschränkungen bewusst werden und lernen, in bestimmten Situationen und bestimmte Sachverhalte, Erlebnisse, Erfahrungen … anders zu formulieren.[11] Die lineare Schlichtheit unserer Sprache hat natürlich auch Vorteile. Wir würden sonst mit Erklärungen und Erläuterungen auch zu einfachsten Aussagen („Ich muss mal auf’s Klo.“) nicht in angemessener Zeit fertig.
- Beim Zuhören muss uns klar sein, dass hier ein von uns völlig verschiedenes Individuum spricht, ein anderer Beobachter, der seine eigenen Beobachtungen zur Grundlage seiner Aussage macht.[12] Der Hintergrund und die Deutungen des Sprechers/Zuhörers stimmen mit denen des Zuhörers/Sprechers nie (!) überein. „Man kann bestenfalls nachweisen, daß die Re-Präsentationen mehrerer Individuen in bestimmten Zusammenhängen kompatibel sind.“[13]
Auch wenn es uns nicht möglich ist, unsere Welt und unsere Mitmenschen ‚in echt‘ wahrzunehmen und zu erkennen und darüber zu kommunizieren, ist es lebenswichtig, Teil einer Gemeinschaft zu sein. Wir brauchen die Auseinandersetzung mit anderen Menschen, um die Viabilität, das Funktionieren unsere eigenen Vorstellungen und Handlungen zu überprüfen. „Die Mitmenschen müssen also in Betracht gezogen werden, denn sie sind bei der Konstruktion einer stabileren Erfahrungswirklichkeit unersetzlich.“[14] sagt Ernst von Glasersfeld. Heinz von Foerster geht noch weiter. Er meint, es sei die Entscheidung jedes Einzelnen, von der Existenz einer Umwelt und Mitmenschen auszugehen. „In dem Moment, in dem ich die Existenz des anderen und mein eigenes Vorhandensein postuliere, lebe ich in einer Beziehung und Gemeinschaft, es entsteht Beteiligung. Diese Entscheidung macht einem zu einem sozialen Wesen.“[15] Jeder Mensch, der in einer größeren oder kleineren Kommune lebt, arbeitet, Kontakt zu Familie und Freunden pflegt, hat diese Entscheidung getroffen.
Wenn ich mich auf diese Art mit der Welt verbinde[16], sollte mir Folgendes klar sein: Meine Erlebnisse und Erfahrungen sind ausschließlich meine eigenen Konstruktionen. Meine Konstruktionen, meine „Erfahrungsrealität“ kann aber durch das Zusammenleben mit anderen „bekräftigt“ [17] werden, indem ich die Erfahrung mache, dass meine Konstruktionen mit denen anderer kompatibel sind[18]. Werden meine Konstruktionen wiederholt durch andere bestätigt oder „bekräftigt“, kann man von Intersubjektivität sprechen, eine vermeintliche gemeinsame ‚Wirklichkeit‘ entsteht. Ohne die Entscheidung, in manchen Dingen übereinzustimmen, wäre ein soziales Leben unmöglich. Dennoch: „Die Analyse sozialer Phänomene kann nur dann erfolgreich sein, wenn sie sich vollkommen der Tatsache bewusst bleibt, daß der Verstand, der viable Begriffe und Schemas konstruiert, unter allen Umständen der Verstand eines Individuums ist.“[19]
[1] Bernhard Pörksen, Heinz von Foerster, 2008, Wahrheit ist die Erfindung eines Lügners, S. 18. Auf diese zirkulären Vorstellungen der Kybernetiker (dazu ebd., S. 106ff) geht eine immer stärker beobachtbare Verschiebung im (Modell-)Denken verschiedenster Disziplinen zurück: man rückt von linear kausalen Abläufen ab und orientiert sich zu Spiralbewegungen hin.
[2] Humberto Maturana, 1970, Neurophysiology of Cognition, in: Paul L. Garvin (Hrsg.), Cognition: A multiple view, S. 4. Aber es ist egal, wo man da hinschaut; es herrscht große Übereinstimmung unter den Konstruktivisten. Von Foerster sagt: „Ein beobachtender Organismus ist selbst Teil, Teilhaber und Teilnehmer seiner Beobachtungswelt.“ (2016, Entdecken oder Erfinden, in: Einführung in den Konstruktivismus, S. 43.) und stellt den Beobachter damit in einen ähnlichen Kontext wie Humberto Maturana.
[3] Ernst von Glasersfeld beschreibt das anschaulich in: Radikaler Konstruktivismus, 1997, S. 194f. und S. 203.
[4] Die vermeintliche Leugnung einer real existierenden Außenwelt durch die Konstruktivisten ist ein permanenter Kritikpunkt derjenigen, die sich vor den Ungewissheiten, die mit konstruktivistischen Ideen notwendig einhergehen, fürchten. In all der Lektüre konstruktivistischer Autoren, die ich durchforstet habe, ist mir allerdings nicht einmal eine radikale Leugnung der Außenwelt untergekommen (so sehr deutlich Ernst von Glasersfeld, 1997, Radikaler Konstruktivismus, S. 223). Solipsistische Ideen sind kein Teil konstruktivistischer Theorien (vgl. ebd, S. 186). Wir stoßen ja ständig auf Hindernisse unterschiedlichster Art, eine grundsätzlich universelle Erfahrung. Welche konkreten Erfahrungen der Mensch allerdings aus seiner Begegnung mit Hindernissen zieht und zu welchen Reaktionen dies führt, ist individuell unterschiedlich. An dieser Stelle setzen Konstruktivisten an.
[5] Diese Einsicht grenzt sich radikal (muss man hier wohl sagen) von deterministischen Weltbildern, die unser gesamtes Denken immer noch dominieren, ab. Comenius, Newton, Laplace, die meinten, man müsse nur den jeweiligen Anfangszustand kennen und die passenden Gesetze richtig anwenden um die Welt vorhersagen zu können, sollten nur noch für Wissenschaftshistoriker von Interesse sein.
[6] So Heinz von Foerster, 2008, Wahrheit ist die Erfindung eines Lügners, S. 29.
[7] Vgl. ebd., S. 29. „Ich will noch einmal betonen, daß ich im Grunde genommen aus der gesamten Diskussion über Wahrheit und Lüge, Subjektivität und Objektivität aussteigen will. Diese Kategorien stören die Beziehung von Mensch zu Mensch, sie erzeugen ein Klima, in dem andere überredet, bekehrt und gezwungen werden. Es entsteht Feindschaft. Man sollte diese Begriffe einfach nicht mehr verwenden, da sie, so behaupte ich, durch die bloße Erwähnung und auch durch die Verneinung oder Ablehnung am Leben erhalten werden.“ (Ebd., S. 32).
[8] Vgl. ebd., S. 34.
[9] Ernst von Glasersfeld, 1997, Radikaler Konstruktivismus, S. 50.
[10] Ebd., S. 166.
[11] Heinz von Foerster beschreibt, wie er mit seinen Studierenden versucht hat, bestimmte „Kategorien des Denkens“ zum Verschwinden zu bringen, indem die Benutzung bestimmter Wörter unter Androhung von Geldstrafen verboten war. ‚Realität‘, ‚tatsächlich‘ und ‚Objektivität‘ kosteten einen Dollar, ‚Wirklichkeit‘ und ‚Wahrheit‘ kamen etwas teurer. Der Effekt: „Mit Hilfe dieses kleinen gemeinsamen Spiels entstand eine Aufmerksamkeit für die autoritäre Kraft solcher Formeln, man lernt auf diese Weise, eine andere Sprache zu gebrauchen.“ (2008, Wahrheit ist die Erfindung eines Lügners, S. 39.) Ein großartiges Experiment! Ich selbst kämpfe schwer, passende Ausdrücke zu finden und bitte um Nachsicht, wenn dies nicht immer gelingt.
[12] Vgl. Ernst von Glasersfeld, 1997, Radikaler Konstruktivismus, S. 182.
[13] Ebd., S. 166.
[14] Ebd., S. 209.
[15] Bernhard Pörksen, Heinz von Foerster, 2008, Wahrheit ist die Erfindung eines Lügners, S. 28.
[16] Vgl. ebd., S. 157.
[17] Ernst von Glasersfeld, 1997, Radikaler Konstruktivismus, S. 196.
[18] Manchmal/öfter sind sie das auch nicht. Dann bleiben zwei Möglichkeiten: ich überdenke meine Position oder lehne die Position des anderen ab – unkonstruktivistisch ausgedrückt halte ich die Position des anderen für ‚falsch‘.
[19] Ebd., S. 199.