Aus den Tiefen des Konstruktivismus (3)

Und die Moral von der Geschicht’? Was bedeutet es nun, wenn ich mich für die (sehr grob, wirklich sehr grob) beschriebene konstruktivistische Sicht entscheide?

Ich verändere meine Einstellung, meine Haltung. Haltung verstanden als etwas Ganzheitliches, etwas, das mein In-der-Welt-Sein und alle meine Handlungen bestimmt. Wie schon gesagt, es kann ausgesprochen befreiend sein, seine Haltung in diese Richtung zu verändern.[1] „Als ich begann so zu denken, war das ein Spaß; ich hatte das Gefühl, eine Bürde losgeworden zu sein, frei zu werden, ich fühlte mich erleichtert.“[2] Mir ging es da ähnlich, wie Heinz von Foerster. Aber könnten wir, bitte, etwas konkreter werden?

  1. Entscheidungen

Alles ist Erfindung, nichts ist von vornherein gegeben. „Wir sind frei zu wählen, wir sind frei, uns zu entscheiden. Es gibt nicht irgendeine absolute Wahrheit, die einen zwingt, die Dinge so und nicht anders zu sehen, so und nicht anders zu handeln.“[3] ICH ENTSCHEIDE MICH, ganz persönlich und ständig. Die erste Entscheidung, die ich treffen muss (und keiner kann das für mich übernehmen, auch wenn man das leicht denkt), ist diejenige, mich als Teil der Welt, der Gemeinschaft zu betrachten. Dies ist für Heinz von Foerster die fundamentale Frage: will ich „mich mit der Welt, den Ereignissen und den Schicksalen verbinden“?[4] Wenn ich diese Frage mit „Ja“ beantworte, begreife ich mich als soziales Wesen, als Mensch umgeben von Objekten und Mitmenschen, mit denen ich interagiere und mit deren Vorhanden- und Anderssein ich mich permanent auseinandersetzen muss.

  1. Verantwortung

„Die Welt als eine Erfindung aufzufassen, heißt, sich als ihren Erzeuger zu begreifen; es entsteht Verantwortung für ihre Existenz.“[5] Und das ist der ‚entscheidende‘ Schritt: ICH BIN VERANTWORTLICH, für meine Entscheidungen, meine Konstruktionen und alles, was daran hängt. Diese Erkenntnis ist die wichtigste und schwierigste, wenn man sich zum Konstruktivismus (wie bereits grob, …beschrieben) bekennt. Es ist so viel einfacher, wenn etwas oder jemand anderes in einer vermeintlichen Außenwelt die Verantwortung für alles trägt; einer Außenwelt, die nunmal so ist, wie sie ist, und an der ich unbedeutendes Rädchen im System gar nichts ändern kann; einer Außenwelt, die auf der einen Seite „Menschen die Verantwortung für seine Sicht der Dinge nimmt“[6], die aber andererseits auch dazu bequemt, „die eigene Verantwortung zu eliminieren.“ „Das ist der tiefe Schrecken der Ontologie.“[7], sagt Heinz von Foerster dazu. Als Konstruktivist hingegen bleibt mir nur „die Verantwortung für alles Tun und Denken dorthin [zu verlegen], wo sie hingehört: in das Individuum nämlich.“[8]

  1. Wahrheit gibt’s nicht

Wenn wir davon ausgehen, dass alles Erfindung ist und dass es keine für alle gleichermaßen gültige und letztendlich erkennbare Wirklichkeit in einer für alle gleichen Außenwelt gibt, KANN ES WEDER ‚RICHTIG‘ NOCH ‚FALSCH‘ GEBEN. Es gibt meine Konstruktionen und die Konstruktionen anderer. Diese funktionieren oder sie funktionieren nicht. Es kann Überschneidungen mit den Konstruktionen anderer geben, was zunächst einmal für die Viabilität meiner Konstruktionen spricht. Sie können für’s erste weiterhin als Basis meines Denkens und Handelns dienen. [9] Stoßen meine Konstruktionen auf Widerstand und kann ich deswegen meine Entscheidungen nicht wie geplant umsetzen, kann ich überlegen meine Konstruktionen zu ändern, um so besser zum Ziel zu gelangen.10] Meine Konstruktionen können aber auch auf Widerstand stoßen, der mich nicht an der Erreichung meiner Ziele hindert. Es besteht also kein unmittelbarer Grund, meine Konstruktionen zu ändern; ich kann mir aber merken, dass es in diesem Punkt auch andere Konstruktionen zu geben scheint, die vielleicht erwägenswert wären.[11] Dieses Spiel kann in allen Nuancen und Facetten gespielt werden.[12]

Wichtig ist, dass Konstruktionen mangels Abgleichmöglichkeit mit einer nicht vorhandenen Wirklichkeit nicht richtig/wahr oder falsch/unwahr sein können. Sie können voneinander abweichen, anders, viabel oder auch nicht viabel sein. Je größer die Menge ähnlicher (gleicher ist eher unwahrscheinlich) Konstruktionen, desto eher ist man geneigt, diese Konstruktionen als richtig/wahr anzusehen. Sind sie aber nicht. Nie.

 

[1] Siehe Intro: Mehr Synthese wagen.

[2] Bernhard Pörksen, Heinz von Foerster, 2008, Wahrheit ist die Erfindung eines Lügners, S. 39.

[3] Ebd. S. 38.

[4] Ebd., S. 157.

[5] Ebd. S. 28.

[6] Ebd., S. 34.

[7] Ebd., S. 25. Und Heinz von Foerster beschreibt weiter sehr zutreffend: „Natürlich gibt es Menschen, die davon nichts wissen wollen und meinen, nicht ohne ein Dogma auszukommen, das ihnen vorgibt, wie sie zu sehen, zu hören und zu sprechen haben.“ (S. 35) Es scheint auf den ersten Blick die vermeintlich leichtere Variante zu sein, Verantwortung abschieben zu können.

[8] Ernst von Glasersfeld, 1997, Radikaler Konstruktivismus, S. 51.

[9] Ich möchte ein Haus bauen und konsultiere dafür einen Architekten. Diesem erläutere ich, wie ich mir den Aufbau des Erdgeschosses vorstelle. Er nickt, stellt nach einer statischen, baurechtlichen, … Prüfung fest, dass das Erdgeschoss genauso gebaut werden kann, wie ich mir das vorstelle, und wir legen los.

[10] Der Architekt stellt nach einer kurzen Überprüfung fest, dass aus statischen Gründen eine weitere Wand eingezogen werden muss. Ansonsten wäre der Aufbau eines weiteren Stockwerks nicht möglich, die Konstruktion würde zusammenbrechen. Ich denke kurz nach, entscheide, der Expertise des Architekten zu vertrauen (dafür habe ich ihn schließlich engagiert) und entschließe mich – schweren Herzens – entweder die geforderte Wand einzubauen oder mit der Planung des Erdgeschosses neu zu beginnen.

[11] Der Architekt prüft und kommt zu dem Schluss, dass statisch und baurechtlich nichts gegen meine Ideen einzuwenden ist. Allerdings würde er aus ästhetischen Gründen eine von mir eingeplante Wand an eine andere Stelle setzen (um einen größeren Wohnraum zu schaffen und die Küche zu diesem hin zu öffnen). Ich habe die Wand aber ganz bewusst an dieser Stelle eingeplant (weil ich offene Küchen nicht leiden kann) und möchte davon nur ungern abrücken. Nach kurzem Nachdenken entscheide ich mich, alles so zu lassen, wie ich es ursprünglich geplant habe. Schweren Herzens stimmt der Architekt zu.

[12] Das Beispiel, das ich hier gewählt habe, ist wirklich ziemlich simpel. Meist geht es beim Aufeinandertreffen unterschiedlicher Konstruktionen viel komplexer und deshalb komplizierter zu. Häufig ist nicht einmal klar, dass hier völlig verschiedene Konstruktionen aufeinander treffen oder dass jetzt ein Zeitpunkt gekommen ist, etwas, das schon lange Bestand hatte, neu zu verhandeln.