Man kann unter vielen Aspekten etwas dazu sagen, dass und wie die Menschheit (derzeit?) unter SARS-CoV-2 ächzt. Das Virus tötet Menschen, lässt andere überleben, aber einige davon mit (lebenslangen?) Spätfolgen, macht sich bei wieder anderen kaum bemerkbar – außer, wenn diese wiederum andere anstecken, ohne sich dessen bewusst zu sein – und verursacht ungewohntes Chaos im sozialen Zusammenleben (Politik, Wirtschaft, Kultur …). Die Pandemie wirft aber gerade dadurch auch ein Schlaglicht auf unsere Gesellschaft(en), auf unsere Einstellungen und Wertvorstellungen. Und sie lässt uns (endlich) intensiv(er) über unsere Zukunft nachdenken, auch das wieder unter so vielen Aspekten.
Ich fange jetzt einfach mal irgendwo an. Da war zum einen die Sendung ‚Scobel‘ vom 7. Mai 2020 auf 3Sat mit dem wunderbaren Titel ‚Corona, Nichtwissen und Handeln‘. Gegen Ende der Sendung ‚Scobel‘ entspann sich folgender Dialog mit dem Diskussionsteilnehmer Bernhard Pörksen[1]:
Pörksen:
„Wir erleben permanent Dilemmata. Ja, man muss sich informieren, aber man darf sich nicht permanent selbst verstören. Ja, Politik muss zuspitzen, kann nicht die Ungewissheit und das Nichtwissen feiern (…) und darf aber trotzdem nicht verleugnen, dass längst nicht alles klar ist.“
Scobel:
„Als Logiker würde mich das auch durcheinanderbringen. Als Psychologe (…) würde ich antworten: ja, Herr Pörksen, Sie lernen gerade Ambiguitätstoleranz. (…) Also, wir lernen, mit Schwebezuständen umzugehen.“
Zum anderen war da der Artikel ‚Alice hinter den Masken‘ in der Süddeutschen Zeitung vom 12. Mai 2020 (Feuilleton, S.9), geschrieben von der Literaturredakteurin Marie Schmidt. Sie befasst sich in ihrem Artikel mit Paradoxie.[2] Ich habe mich über beides, die Sendung sowie den Artikel, sehr gefreut, weil Paradoxie, Dilemmata und Ambiguität (-stoleranz) Begriffe sind, die a) mich schon lange beschäftigen und b) genau die Begriffe sind, die zu unserer Situation besonders gut passen.
- Zu b)
Wir haben es also mit einem Virus zu tun, über das wir (zu Beginn seines Auftretens) fast nichts wussten[3]. Die Stunde der Wissenschaft schlug und wird noch sehr lange schlagen, Erkenntnisse wurden gewonnen, überprüft, bestätigt oder verworfen, neue Erkenntnisse werden gewonnen, weitere Hypothesen aufgestellt, Modelle errechnet … die Wissenschaft tut, was sie nunmal tut, und das mit hohem Arbeitseinsatz und Engagement. Hinzu kommt, dass ‚die Wissenschaft‘ in eher ungewohnter Weise kommunizieren muss, mit den zuständigen Stellen/Personen aus der Politik, mit Journalisten (von denen nur einige Wissenschaftsjournalisten sind), aber auch – und darauf hat sie sich mutig eingelassen – mit der breiten Öffentlichkeit. Ab da wird’s kompliziert, weil hier völlig unterschiedlich funktionierende (operierende) Welten (Systeme) aufeinandertreffen.
Da gibt es die suchende Wissenschaft, geübt in Falsifizierung und Nichtwissen, Neuorientierung, gewagten Hypothesen (die nichts anderes sein müssen als eben Hypothesen) und dem Wissen, dass Erkenntnisse mitunter viel Zeit, Nachdenken und Versuch und Irrtum erfordern. Wissenschaftler, die behaupten sie hätten ontologische Gewissheit über irgendetwas erreicht, sollten ihre Berufung überdenken.
Dann haben wir die Politik, die – und das ist ihre ureigenste Aufgabe – Entscheidungen treffen muss, für die Bevölkerung und das Land und die Welt und alles, was dazu gehört. Die abwägen muss und als Grundlage für all das verlässliche und ‚sichere‘ Parameter benötigt. Die Entscheidungen werden gemessen an einem seltsamen Maßstab, der in ‚richtig‘ und ‚falsch‘ unterscheidet. Wie soll das gehen, wenn nichts sicher und verlässlich ist? Wenn abwägen aufgrund von Tatsachen ausscheidet, weil es keine gibt? Wenn Entscheidungen eine geringe Halbwertzeit haben, weil sich die zugrundeliegenden Parameter laufend ändern? Wenn ich (längerfristige) Konsequenzen nicht abschätzen kann?
Die im Rahmen anerkannter journalistischer Grundsätze arbeitenden Medien haben prinzipiell das gleiche Problem: sie stellen Fragen, sammeln Erkenntnisse/Fakten, bereiten diese auf und vermitteln die Informationen an ein interessiertes Publikum (nebst der einen oder anderen Meinung dazu, die aber als solche gekennzeichnet sein sollte). Zum einen stellen sich die gleichen Fragen wie bei der Politik: Wie berichte ich, wenn sich die Fakten des eines Tages am anderen Tag geändert haben? Wenn ich nichts Genaues weiß und mir niemand eine eindeutige Auskunft geben kann? Hier ergibt sich noch eine Art Unterproblem: Wissenschaft rund um Viren, Epidemien, Pandemien, Modellrechnungen … ist hochkomplex und extrem fachspezifisch. Man sieht die Journalisten im Politikteil kämpfen (was im Aufeinandertreffen mit Wissenschaftlern in Pressekonferenzen besonders deutlich wird), während die Wissenschaftsjournalisten mitunter ob der Unkenntnis oder auch des Unverständnisses ihrer Kollegen die Hände über dem Kopf zusammenschlagen.[4] Zum anderen stellt sich die Frage, wie Informationen in Zeiten wie diesen journalistisch aufbereitet werden sollen/dürfen/müssen: In welchem Umfang darf/soll/muss man den Maßnahmen der Regierung kritisch gegenüberstehen (Handlanger versus Verunsicherer)? Wie provokativ/reißerisch muss/darf/soll formuliert werden (Auflage versus Informationspflicht)? Wie kombiniere/trenne ich Wissenschaft und Politik?
Und dann natürlich ‚die Bevölkerung‘, in ihrer ganzen Bandbreite. Menschen, die alles wissen wollen, was es zu wissen gibt, Menschen, die mit den auf sie hereinprasselnden Informationen überfordert sind oder schlicht nichts mitbekommen wollen, Menschen, die Gefahren (Leben, Wirtschaft, Globalisierung …) ernst/zu ernst nehmen, Menschen, welche die Reaktionen der Regierung für (völlig) übertrieben und unnötig halten, Menschen, die gespannt und zukunftsorientiert auf die neue Situation schauen, Menschen, die den Weltuntergang kommen sehen. Was die meisten Menschen vereint, ist die Sehnsucht nach Sicherheit, nach zuverlässigen Informationen, nach klaren Handlungsanweisungen, nach einem planbaren Umgang mit der Pandemie und ihren Folgen. Und genau das ist derzeit nicht zu haben.
In einer unübersichtlichen Situation treffen also – um es mit Niklas Luhmann zu sagen – unterschiedliche funktionale Systeme aufeinander und müssen miteinander kommunizieren, um der Lösung eines Problems näher zu kommen. Dazu bedürfte es eines Ortes, „der die Teile wirklich anordnet und integriert“, ein „systematischer Ort für die Gesamtregelung (…) des Systems“, wie Armin Nassehi sagt.[5] Einen solchen ‚rettenden‘ Ort gibt es aber nicht. Wie können wir also mit dieser Situation umgehen?
Eben dieser Armin Nassehi war ebenfalls in der genannten Sendung und bietet auf die Frage von Gert Scobel Folgendes an:
Scobel:
„(…), wir haben dann diese Tendenz, alles von einem Gesichtspunkt aus zu betrachten, um das Problem zu lösen, also um die Dilemmata zu lösen, und das führt aber dazu, gerade durch die Massenmedien, dass ständig neue Themen generiert werden. (…) Können wir da irgendwie rauskommen?“
Nassehi:
„Nein, da können wir eigentlich nicht rauskommen. Wir können eigentlich nur feststellen, dass wir mit sehr begrenzten Mitteln, ich nehme jetzt den Begriff, den man immer wieder zur Zeit gebraucht, auf Sicht fahren müssen. (…) kurze Schritte machen müssen, die wir dann sozusagen relativ kurzfristig evaluieren. Das ist ja etwas, was Politik normalerweise nicht macht.“
Und dann fährt Nassehi fort:[6]
„(…) nicht, das wir das Nichtwissen aufheben oder das Grundproblem lösen, aber dass zumindest aus diesen beiden Perspektiven wenigstens eine kleine Synthese entstehen kann, dass man sagt, geht ihr in der Politik mal durchaus wissend und entscheidend mit eurem Nichtwissen um und stellt mal fest, ob eure Handlungen bestimmte Wirkungen haben, die wir euch auch nicht eindeutig prognostizieren können, aber zumindest dabei helfen können, zu evaluieren, was sie tun. Das ist doch etwas, wovon man – wenn man das mal positiv beschreiben will – sagen kann, das wäre doch gar keine schlechte Synthese zwischen einer politischen und einer ökonomischen und einer womöglich wissenschaftlichen Perspektive, mit der wir zur Zeit umgehen müssen.“
Marie Schmidt schreibt in der SZ:
„Je besser die Maßnahmen gegen die Ausbreitung des Virus wirken, desto weniger Leute stecken sich an, und desto übertriebener erscheinen die Maßnahmen den Einzelnen, Lockerungen werden durchgesetzt, wodurch es wieder mehr Ansteckungen gibt, weshalb wieder Maßnahmen – und so weiter. Paradoxe haben eine zirkuläre Form, während der gesunde Menschenverstand Geradlinigkeit und ein klares Einerseits-Andererseits bevorzugt. Deshalb sind sie in Politik und Pädagogik gefürchtet, schaffen aber in der Kunst und Philosophie große Momente der Erkenntnis.“
Und dann noch ganz kurz, bevor ich zu a) komme: In der Süddeutschen Zeitung vom 16. Mai 2020 (Wissen, S. 33) schreibt Andreas W. Daum unter dem Titel „Vermessung der Seuche“ über Alexander von Humboldt, der ein großes Interesse an Infektionskrankheiten hatte und (so der Untertitel) in ihnen eine gesellschaftliche Herausforderung sah. Humboldt (1769 – 1859), der noch keine Kenntnis von Bakterien und Viren hatte, versuchte Faktoren für das Auftreten von Krankheiten und Seuchen zu ermitteln und Zusammenhänge aufzuzeigen. Sein Fazit: „Tatsachen ins Klare zu setzen, deren Ungewissheit einander völlig entgegengesetzte Theorien zu begünstigen scheinen (…)“ falle schwer.
- Zu a)
Wir leben gerade in Zeiten, in denen die Menschheit wegen eines unbekannten Virus mit etwas konfrontiert wird, das für Konstruktivisten zu den Grundannahmen gehört: das Fehlen von letzten Wahrheiten und Eindeutigkeit. Phänomene wie Paradoxien[7] oder Ambiguität sind Konstruktivisten vertraut, sie gehören zum Habitus, ihnen haftet nichts Ungewohntes oder Erschreckendes an.
Ambiguität heißt schlicht: Mehrdeutigkeit. Sie begegnet uns ständig[8], in vielen Bereichen ist uns das gar nicht bewusst, in bestimmten Bereichen sind wir daran gewöhnt[9], wenn sie aber bewusst wird, in ungewohnten oder in unsicheren Kontexten auftritt, irritiert Mehrdeutigkeit die meisten Menschen. Amgibuitätstoleranz ist ursprünglich ein Konstrukt aus der Psychologie; Else Frenkel-Brunswik hat ab 1949 darüber geforscht und geschrieben. Gemeint ist das Ertragenkönnen/Aushaltenkönnen von Mehrdeutigkeiten.[10] Ambiguitätsintolerante Personen schätzen die klare Lösung, das endgültige Urteil, manchmal auch unter Auslassung von Fakten und Negierung jeglicher Komplexität.[11] Auf der anderen Seite suchen Personen mit hoher Amgibuitätstoleranz Stanley Budner zufolge geradezu mehrdeutige Situationen, sie genießen Mehrdeutigkeit und können gut Aufgaben lösen, die mit Mehrdeutigkeit verknüpft sind.[12] Eine ambige Situation ist eine „Situation, die von einer Person nicht adäquat strukturiert oder kategorisiert werden kann, weil sie die dazu nötigen Hinweise (cues) nicht besitzt.“ Dazu gehören: „vollständig neuartige Situationen“, sofern noch keine Hinweise zu ihrer Bewältigung vorliegen, „komplexe Situationen“, welche die Berücksichtigung einer großen Zahl von Hinweisen erfordern, oder „widersprüchliche Situationen“, in denen unterschiedliche Strategien anwendbar erscheinen.[13]
Thomas Bauer hat sich vor dem Hintergrund seiner Islamforschung mit Ambiguität beschäftigt. Ausgangspunkt seiner Überlegungen ist ein Phänomen, das ihm bei der Beschäftigung mit klassischen islamischen Texten im Rahmen seiner wissenschaftlichen Forschung aufgefallen ist:
„Die Widersprüche, auf die man beim Lesen dieser Texte stößt, „seien gar keine Widersprüche, deren Auflösung gescheitert, sondern solche, deren Auflösung nicht erstrebt worden ist. Offensichtlich gibt es Gesellschaften, in denen schwer miteinander vereinbare Normen und Werte nebeneinanderstehen können, ohne daß auf die ausschließliche Geltung der jeweils eigenen Normen und Werte gepocht wird, ja, divergierende Normen und Werte können offensichtlich friedlich sogar in ein und demselben Individuum beieinanderwohnen. Die Menschen in solchen Gesellschaften stehen den Vagheiten und Vieldeutigkeiten des Lebens gelassen gegenüber und trachten weniger nach unhinterfragbaren Wahrheiten, sondern geben sich mit der Suche nach dem Wahrscheinlichen zufrieden. Mehrdeutigkeit wird hier nicht nur stärker akzeptiert, man empfindet umgekehrt auch ein großes Vergnügen daran, Mehrdeutigkeiten bewußt zu erzeugen, etwa in der Literatur und in den Künsten.“[14]
Was er hier beschreibt, nennt er ‚kulturelle Ambiguität‘ und bestimmt diese so:
„Ein Phänomen kultureller Amgibuität liegt vor, wenn über einen längeren Zeitraum hinweg einem Begriff, einer Handlungsweise oder einem Objekt gleichzeitig zwei gegensätzliche oder mindestens zwei konkurrierende, deutlich voneinander abweichende Bedeutungen zugeordnet sind, wenn eine soziale Gruppe Normen und Sinnzuweisungen für einzelne Lebensbereiche gleichzeitig aus gegensätzlichen oder stark voneinander abweichenden Diskursen bezieht oder wenn gleichzeitig innerhalb einer Gruppe unterschiedliche Deutungen eines Phänomens akzeptiert werden, wobei keine dieser Deutungen ausschließliche Geltung beanspruchen kann.“[15]
Auch ambiguitätstolerante Gesellschaften[16] reduzieren Uneindeutigkeiten, versuchen jedoch nicht, „sie zu eliminieren, sondern lediglich, sie so weit zu domestizieren, dass man mit ihnen gut leben kann.“[17] Den Vorgang der „Ambiguitätszähmung“ im frühen Islam beschreibt Bauer dabei wie folgt:
„Zu Beginn entsteht aus verschiedenen Gründen ein Ambiguitätsüberschuß, der zu einer Krise führt. Diese Krise löst einen Prozeß der Disambiguierung aus, der zumeist in mehreren Schritten erfolgt. Diese Disambiguierung wird aber nicht bis zu Ende geführt, weil ein vollständiges Auflösen jeder Ambiguität wiederum als Verlust erschienen wäre. So steht am Ende des Prozesses nicht etwa völlige Eindeutigkeit, sondern immer noch Ambiguität, die allerdings nun überschaubar und sozial handhabbar geworden ist. Diese gezähmte Ambiguität wird sodann als fester Bestandteil der Kultur akzeptiert, durch kulturelle Handlungen stets aufs neue bestätigt und als Teil des kulturellen Wissens etabliert.“[18]
Marie Schmidt schreibt in „Alice hinter den Masken“:
„Man kann mit Paradoxen außerdem verschieden umgehen. Ihre verschlungene Form verlangt, dass man an ihnen entlanggleitet, mal die eine, mal die andere Seite des Widerspruchs im Griff hat. Das tun Bund und Länder womöglich, wenn sie „vorsichtig sind und auf Sicht fahren“, wie der Bundespräsident sagte, was den Wechsel zwischen Ausgangssperren und Lockerungen betrifft. Man kann Paradoxe aber auch zerschlagen und behaupten, sie seien nur Sprachspiele, Unsinn, Erfindung. Das tun die Neunmalklugen und die Verschwörungstheoretiker.“
Und – ich wiederhole es hier nicht nur aus Überleitungsgründen – Marie Schmidt sagt: „Paradoxe haben eine zirkuläre Form“.
Das Konzept der Zirkularität ist für den Konstruktivismus elementar. Heinz von Foerster erklärt am Bild eines Steuermanns[19] wie zirkuläre Kausalität, das Anknüpfen an eigene Handlungen als Ursache für weitere eigene Handlungen gedacht werden kann: Wenn ein Steuermann mit seinem Schiff ein Ziel ansteuern will, gibt es dafür kein festgelegtes Programm, das er einfach nur abarbeiten müsste. Zu viele Parameter spielen eine Rolle (Wind, Wellengang, Strömung, andere ein- oder ausfahrende Schiffe …). Er geht daher wie folgt vor:
„In jedem Moment wird die Abweichung in Relation zu dem ins Auge gefaßten Ziel, dem Telos, das zum Beispiel ein Hafen sein kann, korrigiert. Das Betätigen des Steuers, eine Ursache, erzeugt also eine Wirkung; das ist die Kurskorrektur. Und diese Wirkung wird wieder zu einer Ursache, denn man stellt eine neue Kursabweichung fest. Und diese erzeugt ihrerseits eine Wirkung, nämlich wiederum eine Kurskorrektur.“[20]
Die Idee der Zirkularität geht zurück auf das Konzept der Selbstbezüglichkeit, das im Zentrum kontruktivistischen Denkens steht.[21] Wir sind Beobachter einer Welt, deren Teil wird sind. Wenn wir auf eine ‚Welt‘ Bezug nehmen, verweisen wir auf uns selbst.[22] Geht man mit einem logischen Vorverständnis an selbstbezügliche Aussagen heran, so entstehen unausweichlich Paradoxien.[23] Berühmtes Beispiel ist der Satz: „Ich bin Kreter. Alle Kreter lügen.“[24] Dieser Satz ist nicht entweder wahr oder falsch,[25] sondern „falsch, wenn man ihn für wahr hält, und wahr, wenn man ihn für falsch hält.“[26] Und genau daraus ergibt sich, wie man mit der Paradoxie der Selbstbezüglichkeit umgehen kann: in der Zeit. „Die Akzeptanz des Paradoxons, für die ich plädiere, führt die Dynamik der Zustände wieder ein. Man redet nicht mehr vom Sein des Zustandes, sondern vom Werden, integriert die zeitliche Dimension. (…) Das Ja generiert das Nein, das Nein generiert das Ja.“[27] Auf diese zeitliche Komponente beim Umgang mit Paradoxien weist auch Armin Nassehi hin: „Die logische Aufhebung der Paradoxie der Selbstbezüglichkeit erfolgt demnach durch die Zeit, d.h. zeitweise, nämlich von Ereignis zu Ereignis“ durch Herantasten „an die eigene Realitätsumstellung“.[28] So können wir „nicht vor der Paradoxie erstarren, sondern weiter operieren“.[29]
Fazit:
Ich möchte es mit Helm Stierlin sagen:
„Zum systemischen und konstruktivistischen Denken gehört, dass man von den großen Entwürfen, den Ideologien und den scheinbar endgültigen Lösungen Abschied nimmt und sich den Risiken und Unsicherheiten des Lebens in eigener Verantwortung stellt. Dabei muss man irgendwann auch die Grenzen einer binären westlichen Logik anerkennen und sich als selbstbewusst handelndes Individuum mit den fortwährenden Paradoxien des eigenen Daseins vertraut machen, an denen sich die Vernunft bricht. Die vollständige logische Widerspruchsfreiheit ist im Prozess des Lebens einfach nicht zu haben.“ [30]
Insbesondere in Zeiten einer Pandemie, in der wir mit einem Virus leben müssen, von dem wir (noch) nicht viel wissen und es keine grundsätzlich ‚richtige‘, ‚alternativlose‘ Vorgehensweise und ‚endgültige‘ Lösung gibt, ist es keine schlechte Idee, eine Haltung anzunehmen, die von Ambiguitätstoleranz getragen und von der Bereitschaft geprägt ist, Dilemmata/Paradoxien Schritt für Schritt zu lösen, unsere Handlungsweise in kritisch-reflexiver Beobachtung immer wieder anzupassen und unsere „Spielräume zu managen“[31].
[1] Ja, der, den ich andauernd zitiere.
[2] In naheliegender Weise zieht Marie Schmidt zur Illustrierung von Paradoxien und ihren Wirkungen Lewis Carolls ‚Alice im Wunderland‘ heran.
[3] Nicht mal durch Vergleich mit der engen Verwandtschaft des Virus konnten hilfreiche Erkenntnisse produziert werden.
[4] Es kommt durchaus vor, dass im Politikteil eines Printmediums anderes über den wissenschaftlichen Hintergrund des Geschehens geschrieben wird als im Wissenschaftssteil.
[5] Armin Nassehi, 2019, Muster, S. 183.
[6] Und ich habe mich doch irgendwie sehr gefreut …
[7]In negativer Konnotation: Dilemmata.
[8] Ein Leben ohne Mehrdeutigkeit ist schlicht nicht möglich.
[9] Viele Witze machen sich Ambiguität zunutze.
[10] Diese können in verschiedenen Formaten auftreten: verschiedene Bedeutungen, die nur leicht voneinander abweichen, Widersprüchlichkeiten (da sind wir schon nahe am Paradox), aber auch Unstrukturiertheiten und abweichende Erwartungshorizonte können als Mehrdeutigkeit angesehen werden.
[11] Vgl. Thomas Bauer, 4. Aufl. 2015, Die Kultur der Ambiguität, S. 36.
[12] Stanley Budner, in: Thomas Bauer, 4. Aufl. 2015, Die Kultur der Ambiguität, S. 37.
[13] Stanley Budner, ebd., S. 37.
[14] Thomas Bauer, 4. Aufl. 2015, Die Kultur der Ambiguität, S. 12/13. Auch Marie Schmidt hat in dem Artikel über Paradoxien in der Pandemie auf Kunst und Philosophie als Referenzgebiete verwiesen.
[15] Ebd. S. 27.
[16] Schön ist, dass Bauer auf die Problematik des Begriffs der ‚Toleranz‘ hinweist. Toleranz lässt eine Abweichung bestehen, ohne den eigenen Standpunkt aufzugeben. Diese Haltung beschreibt eher eine Situation der Eindeutigkeit und gerade nicht eine der Ambiguität. Vgl. ebd, S. 29.
[17] Ebd., S. 13. Siehe auch S. 30/31.
[18] Ebd., S. 57.
[19] Wie schon gesagt, hält Heinz von Foerster nicht allzu viel vom Begriff des ‚Konstruktivismus‘. Er sieht sich als Kybernetiker (gr. kybernetes: Steuermann). Diese Begriffe sind nicht synonym zu gebrauchen, aber die Grundzüge der dahinterstehenden Denkweise gleichen sich doch stark.
[20] Bernhard Pörksen/Heinz von Foerster, 2008, Wahrheit ist die Erfindung eines Lügners, S. 107.
[21] Zur Idee des Beobachters siehe ‚Aus den Tiefen des Konstruktivismus (2)“ in diesem Blog.
[22] Bernhard Pörksen/Heinz von Foerster, 2008, Wahrheit ist die Erfindung eines Lügners, S. 115. Auf dieses Phänomen nimmt auch Armin Nassehi Bezug: Selbstbezügliche Systeme geraten „in Paradoxien, weil sie sich in ihren Operationen, in denen sie sich auf sich selbst beziehen, nicht vollständig beobachten können (…).“ (2019, Muster, S. 253).
[23] Dirk Baecker, 1993, Kybernetik zweiter Ordnung, in: Heinz von Foerster, Wissen und Gewissen, S.21.
[24] Der Satz wird dem aus Kreta stammenden Philosophen Epimenides zugeschrieben.
[25] Man denke an den bekannten Satz vom ausgeschlossenen Widerspruch aus der Metaphysik des Aristoteles‚ den (ich glaube, es war nicht nur ein Satz, sondern mehrere, die sinngemäß auf das Gleiche hinausliefen) er wie folgt zusammenfasst: ‚kontradiktorische Aussagen können nicht zugleich wahr sein‘.
[26] Bernhard Pörksen/Heinz von Foerster, 2008, Wahrheit ist die Erfindung eines Lügners, S. 119.
[27] Ebd.,S. 120.
[28] Armin Nassehi, 2019, Muster, S. 254. Und auch Marie Schmidt beschreibt diesen Umgang mit Paradoxien in ihrem Artikel – weiter oben zitiert.
[29] Ebd., S. 253.
[30] Die Aussage stammt aus einem Interview mit Bernhard Pörksen, 2. Aufl. 2008, Die Gewissheit der Ungewissheit, S. 198. Dann darf ich vielleicht noch in eigener Sache weiter aus dem Interview zitieren:
Bernhard Pörksen sagt im Verlauf des Gesprächs zu Helm Stierlin: „Wenn ich mir unser bisheriges Gespräch vergegenwärtige, dann bemerke ich ein stets um den dialektischen Ausgleich bemühtes Denken: Sie verbinden die Bedürfnisse des Einzelnen und die der Familie, Sie verknüpfen Systemtheorie und Konstruktivismus, Sie vereinen Autonomie und Abhängigkeit, Freiheit und Unfreiheit, Verstand und Gefühl. Spürbar ist – (…) – eine Sehnsucht nach der Synthese, der Aufhebung der Gegensätze und des Verschiedenen in einer neuen, übergeordneten Einheit.“ Und Stierlin antwortet: „Das bedeutet aber gerade nicht, Unterschiede zu verwischen und Widersprüche wegzuargumentieren, mit einer großen Synthese alles zuzudecken, die Spannungen zu beseitigen und mit einem totalisierenden Begriff der Dialektik auf eine endgültige Harmonie zu zielen. Das ist nicht gemeint, sondern es geht darum, in der Arbeit am Konkreten immer neue Antworten zu entdecken (…)“ (Ebd., S. 199/200)
[31] Armin Nassehi, 2019, Muster, S. 255.