Klima, die Erste, oder Wie schön, dass man solche Artikel lesen darf

Eigentlich wollte ich mit einem ganz anderen Thema starten (kommt noch), bin aber über den Artikel „Der Globus ist jetzt radikal lokal“[1] in der Süddeutschen Zeitung gestolpert. Geschrieben hat ihn Ulrich van Loyen, von dem die SZ behauptet, dass er am Lehrstuhl für Ethnologie der Universität Siegen arbeitet. Eine kurze Internetrecherche ergibt, dass Ulrich van Loyen eigentlich Philosophie, Neuere Deutsche Literatur, Italianistik und Theologie studiert hat und Ethnologie nur am Rande betreibt. An der Universität Siegen ist er für Medienwissenschaft und Medientheorie zuständig. Also: Ein Artikel um die Klimakatastrophe herum, den ich aus verschiedensten Gründen einfach wunderbar finde.

Der Untertitel des Artikels ist: „Da mit der Klimakatastrophe alle Maßstäbe zusammengebrochen sind, wird individuelles Handeln Pflicht.“[2] Ein ethischer Weckruf, wie ihn die von mir geschätzten Konstruktivisten nicht besser formulieren könnten.[3] Es kommt also – auch oder gerade – bei einem Phänomen, das uns als Menschheit, unsere Gesellschaften insgesamt und unsere (westliche) Art zu leben wie kein anderes betrifft, auf den Einzelnen und seine Handlungen an. Schon hier wird deutlich: ein Verschieben von Verantwortung auf andere – die Politik(er), die Reichen, die plastiktütenverbrauchenden Inder … – ist nicht (mehr) zulässig.

Anlass des Artikels ist der aktuelle Zustand unserer Erde/Natur, die seit „der Mensch von einem biologischen Handlungsträger zu einem geologischen Faktor geworden ist, zurückschlägt.“ Und das in unvorhersagbarer und unberechenbarer Weise. Der Mensch scheint eine Kontrolle zu verlieren, die er nie hatte, und ist – mal wieder – Kräften ausgeliefert, die er nicht beherrscht. Kausalzusammenhänge, die bisher als Erklärungsgrundlage dienten, können „aufgrund unüberschaubarer Rückkopplungsschleifen nicht mehr dargestellt werden.“[4] Der Klimawandel als solcher betrifft global, hat aber regional völlig unterschiedliche und häufig überraschende Auswirkungen, ist also „radikal lokal“. Soweit die Diagnose.

Folgen des Zusammenbruchs unseres gewohnten Systems von Maßstäben sind laut van Loyen auf der einen Seite Schuldzuweisungen (Flugscham) und auf der anderen Seite Rechtfertigung (ich mache es doch richtig!). In jedem Fall sieht sich das (unter dem gesellschaftlichen Druck) versuchsweise ökologisch handelnde Individuum mit dem Anwurf konfrontiert, dass sein eigener kleiner Beitrag (Bahnfahren statt Fliegen) möglicherweise keinen großen Effekt hat (solange in China immer noch ungefiltert Kohle verbrannt wird).[5] Egal, sagt van Loyen, denn

  1. mangels Maßstab lässt sich die globale Auswirkung meines kleinen Beitrags zum Klimaschutz gar nicht messen, sprich be-urteilen. Der kleinste Beitrag kann also von immensem Nutzen sein, die konzertierte Großaktion nicht (gilt natürlich auch umgekehrt). Also: ich sollte mutig zur Rettung des Klimas beigetragen!
  2. (und jetzt kommt’s) es gehe vielmehr darum, aus seinem eigenen Verhalten eine Forderung werden zu lassen. Nicht als schnöden Appell (Schuldverteilung), sondern als „reine Möglichkeit und ja auch das: Schönheit dieser Lebensform.“ Kein schulmeisterliches Fingerzeigen und Anprangern, keine „explizite Moral“[6], sondern eine Haltung, die implizit bleibt (so wie es auch Heinz von Foerster fordert), eine Ethik, die „in die Handlungen eines einzelnen gewissermaßen eingewoben“[7] ist, denn nur auf diese meine eigenen Handlungen habe ich Einfluss. Das Großartige ist, dass implizit ethisches Verhalten Außenwirkung entfalten kann. Ulrich van Loyen bringt dafür ein Beispiel aus seinem Lebensumfeld Süditalien, wo sich (immer mehr) Menschen trotz widriger Umstände nicht davon haben abhalten lassen, ihren Müll ordentlich zu trennen und die Regionalregierung so zwingen, dem Thema Recycling mehr Aufmerksamkeit zu widmen.

Der letzte Absatz des Artikels beginnt mit dem Satz: „In Zeiten der zusammenbrechenden Maßstäbe erschließt man sich das Vorstellbare durch das Handeln, nicht umgekehrt.“ Naja, dass Lernen, Kognition, Erkenntnis und das Entwickeln von (zukunftsgerichteten) Vorstellungen – nicht nur auf individueller, sondern auch auf sozialer Ebene – auf Handlungen basieren, trifft nicht nur für Zeiten zusammenbrechender Maßstäbe zu, sondern galt schon immer.[8] Es kann allerdings nicht schaden, angesichts der drohenden Klimakatastrophe darauf hinzuweisen, dass es höchste Zeit ist loszulegen, auch wenn theoretisch noch nicht klar ist, wie die große Lösung aussehen soll.

Fazit:

Es kommt darauf an, dass der Einzelne Verantwortung übernimmt.

Auch kleine Beiträge können einen entscheidenden Unterschied ausmachen.

 

[1] 3. September 2019, im Feuilleton (wo der Artikel wirklich hingehört, denn es ist kein politischer). Schon allein der Titel! Musste ich lesen.

[2] Sobald etwas in Anführungszeichen gesetzt ist und auf keine Endnote verweist, zitiere ich aus dem genannten Artikel.

[3] Natürlich kann man auch hier, wie beim ethischen Imperativ von Heinz von Foerster (siehe Grundlagen, Teil 4), einwenden, dass die Aufforderung selbstreferenziell auf den Auffordernden hin hätte formuliert werden können.

[4] Eine Entwicklung, die nicht nur für Naturphänomene und ihre Auslöser gilt, dort aber gerade besonders offensichtlich zutage tritt. Es ist eben meist komplexer als ein paar Pfeile in eine bestimmte Richtung. Wir sind ein solches Denken in Wechselwirkungen und Schleifen nicht gewohnt (siehe Grundlagen, Teil 1). Ulrich van Loyen thematisiert dieses Problem auch in seinem Artikel und verweist auf Amitav Ghosh: der Mensch kommt mit dem Verfall gewohnter Maßstäbe so schlecht zurecht, weil dieser unsere „Fähigkeit, uns mittels Einbildungskraft ein Bild von der Welt zu machen“ bedroht. Wir müssten anfangen, radikal anders zu denken. Oje.

[5] Ich bin immer völlig verzweifelt, wenn ich auf gesellschaftlichen Veranstaltungen mit Menschen sprechen muss, die mir mit voller Überzeugung im Recht zu sein mitteilen, dass sie ihren zweiten SUV nicht abschaffen, solange die in Asien …

[6] So nennt es Heinz von Foerster (Bernhard Pörksen, Heinz von Foerster, 2008, Wahrheit ist die Erfindung eines Lügners, S. 164).

[7] Ebd., S. 164. So auch: Heinz von Foerster, 1993, Wissen und Gewissen, S. 348.

[8] Auch hier kann auf die üblichen Verdächtigen verwiesen werden: Humberto Maturana: „Jedes Tun ist Erkennen, und jedes Erkennen ist Tun.“ (Humberto Maturana, Francisco Varela, 2012, Der Baum der Erkenntnis, S. 31); Heinz von Foerster: „Der ästhetischer Imperativ: Willst du erkennen, so lerne zu handeln.“ (Heinz von Foerster, 1993, Wissen und Gewissen, S. 49). In der Pädagogik ist es schon fast ein Allgemeinplatz, dass man handelnd lernt (dazu später mehr).

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