Fällt nicht alles einer gewissen Beliebigkeit anheim, wenn nichts mehr sicher und alles möglich ist? Gibt es überhaupt noch Werte, an denen ich mich orientieren kann, wenn nichts mehr richtig und nichts mehr falsch ist?
Zunächst einmal ändert sich gar nichts. Ich stehe morgens auf, frühstücke (möglicherweise), schicke die Kinder (wenn ich welche habe) zur Schule, gehe arbeiten (wenn ich einen Job habe), spreche mit anderen Menschen in meinem Umfeld (Leuten, die ich mag und Leuten, die ich nicht mag), schaue mir einen Film im Kino an (besuche ein Musical oder die Oper oder lese ein Buch oder surfe im Netz oder …) und fahre (vielleicht) ab und zu in den Urlaub, schlafe, esse usw. Das alles tue ich innerhalb einer bestimmten Gemeinschaft, meinem Freundeskreis, meinem Wohnort, einer Stadt oder einem Dorf, einem Land, der Welt.
Diese Gemeinschaften und alles in ihnen und um sie herum sind das Ergebnis von langwierigen Entscheidungs- und Entwicklungsprozessen. Das geht von der Art wie wir essen und was wir essen, wie wir uns kleiden, wie wir wohnen … bis hin zu unserer Religion, unseren Bildungsinstitutionen, unserem Rechts- und unserem politischen System. Unsere Gemeinschaften haben derzeit eine gewisse Form angenommen, werden sich aber in Zukunft wieder verändern und neu orientieren. Dass und wie ich in meinen Gemeinschaften lebe, ist meine eigene Entscheidung. Ich kann mich und meine Verhaltensweisen oder meine Gemeinschaft verändern, wenn etwas nicht mehr passt. Ich könnte mir auch eine andere Gemeinschaft suchen, eine, die mir besser gefällt. Das mag mit mehr oder weniger großen Hürden verbunden sein[1] und unterliegt wiederum Regeln, die in (langwierigen) Entwicklungs- und Entscheidungsprozessen entstanden sind und sich für den Moment bewährt haben (wenn auch vielleicht nicht für alle Mitglieder der Gemeinschaft). Vielleicht scheue ich den Aufwand[2], habe Angst oder es fehlt mir an Motivation, aber möglich wäre es. Grundsätzlich.
Alles ist vorübergehend, alles kann sich jederzeit ändern, nichts währt ewig. Mit dieser Einsicht muss man als Konstruktivist[3] leben lernen. Und das ist nicht leicht, weil der Mensch ein Wesen ist, das Stabilität und Sicherheit schätzt (solange es ihm einigermaßen gut geht) und mit Veränderungen häufig (zunächst) nicht gut zurecht kommt. „Zu allen Zeiten gab es Menschen, die einer friedlichen Gefangenschaft, einer genügsamen Sicherheit, dem Gefühl, im Kosmos einen Platz für sich gefunden zu haben, den Vorzug vor den schmerzhaften Konflikten und Wirrnissen der Freiheit jenseits der Mauern gaben.“[4]
Trotzdem kann ich Sicherheit und Verlässlichkeit herstellen. Sie kommt nicht aus einer Außenwelt, der ich ausgeliefert bin (und die ich gar nicht erkennen kann), sondern aus mir. Ich vertraue meinem Denken, meinen Fähigkeiten, meine Flexibilität und meinen Entscheidungen, solange alles funktioniert. Und das kann eine ganze Weile so gehen, manchmal so lange, dass vermeintliche Gewissheiten entstehen. Stoße ich an Grenzen oder auf Hindernisse, muss ich bereit sein, zu überdenken, zu überprüfen und gegebenenfalls müssen Anpassungen vorgenommen werden, die ein weiteres Funktionieren ermöglichen. Weil ich mich entschieden habe, in einer Gemeinschaft zu existieren und für mein Denken und Handeln verantwortlich zu sein, bezieht sich meine Beurteilung des Funktionierens nicht nur auf mich persönlich, sondern auf den Kreis der von meinem Denken und Handeln Betroffenen. Dieser kann kleiner (Familie, Nachbarschaft) oder größer (Gemeinde, Land, Welt) sein. Sicherheit hat also eine zeitliche und eine räumliche Komponente, die je nach Kontext kurz oder lang bzw. eng oder weit sein kann. Ich erarbeite mir Sicherheit und Verlässlichkeit immer wieder neu und bin damit nicht alleine. Auch alle anderen tun dies und wenn man bedenkt, wie viele dieser Konstruktionen gut und völlig reibungslos miteinander funktionieren, gibt das durchaus Anlass zu Optimismus.
Anpassungen werden ständig und von allen Seiten vorgenommen. Es geht mitnichten darum, den eigenen, gerade noch funktionierenden Standpunkt beim geringsten Widerstand aufzugeben. Ich kann für meine Sicht der Dinge eintreten und versuchen andere zu überzeugen, dass eine Anpassung ihrer Entwürfe an meine Vorstellung vorgenommen werden sollte. Entscheidend ist, dass Austausch und Debatte stattfindet und ein Einigungsprozess hin auf ein neues Funktionieren einsetzt.
Wir sollten dabei auf die Art, wie und über was wir uns Urteile anmaßen achten. Das betrifft zum einen unser Denken in Kategorien wie „wahr“, „falsch“, „objektiv“[5] und zum anderen unsere Kommunikation entlang dieser Kategorien. Diese Begriffe werden nicht aus unserer Sprache verschwinden, zumindest nicht in nächster Zeit. „‚Objektiv‘, ‚wahr‘, ‚fair‘ sind Wörter mit einem breiten Bedeutungsspektrum, dessen Grenzen oft verschwimmen. Mehrdeutigkeiten und Missverständnisse sind immer möglich und oft gefährlich. Dennoch haben diese Ausdrücke eine Bedeutung, die fließend sein mag, die sich jedoch innerhalb gewisser, vom Sprachgebrauch anerkannter Grenzen hält, und sie verweisen auf Maßstäbe, die von Leuten, die sich auf den jeweiligen Gebieten betätigen, allgemein anerkannt werden.“[6] Selbst wenn man also bei einer quantitativ und qualitativ hohen Übereinstimmung unterschiedlicher Konstruktionen Begriffe wie die oben genannten verwendet, sollte sich im Hinterkopf immer eine Stimme melden, die Vorbehalte hinsichtlich der Absolutheit solcher Feststellungen äußert und vor Verurteilungen warnt.[7] Heinz von Foerster stellt sich vor, „so zu handeln und meine Sprache in jedem Moment derart unter Kontrolle zu haben, daß auch diese Fragen nach einem guten oder schlechten Verhalten, die immer die Gefahr einer Moralpredigt in sich bergen, nicht mehr explizit besprochen werden müssen.“[8] Wir sollten unsere Sprache „so gebrauchen können, daß sie einer impliziten Ethik gehorcht (…).“[9]
Das Ganze hat also einen (hinsichtlich des Verhaltens moralischen, weiter gedacht einen) ethischen Aspekt, der bei allem Denken und Handeln eine Rolle spielt. Heinz von Foerster nimmt sich der Frage einer ethischen Haltung, die sich unmittelbar aus der Anerkennung von eigener Verantwortung ergibt, besonders an. Er formuliert einen „ethischen Imperativ“: „Handle stets so, daß die Anzahl der Möglichkeiten wächst.“[10]
[1] Ich will das gar nicht herunterspielen. Die Hürden sind mitunter immens groß und scheinen oft unüberwindbar. Insbesondere, wenn Gewalt im Spiel ist.
[2] Der sehr hoch sein kann.
[3] Wenn wir ehrlich sind, gilt das für alle Menschen, ob sie wollen oder nicht. Konstruktivisten entscheiden sich aktiv dafür, mit dieser Einsicht zu leben und handeln danach.
[4] Isaiah Berlin, 2006, Freiheit – Vier Versuche, S. 189. Auf diesen hervorragenden Denker werde ich sicherlich noch das ein oder andere Mal zurückkommen.
[5] In dieser Richtung gibt es noch mehr Begriffe, die nur noch mit Vorsicht gedacht und gebraucht werden sollten.
[6] Ebd., S. 174.
[7] Isaiah Berlin verweist auf John Stuart Mill, der, so Berlin, der Ansicht war, dass ‚Wahrheit‘ grundsätzlich bestritten werden müsse, sonst „verkomme sie leicht zu Dogma und Vorurteil; die Menschen sähen sie nicht mehr als lebendige Wahrheit; Opposition sei nötig, um sie am Leben zu erhalten.“ Ebd., S. 275.
[8] Bernhard Pörksen, Heinz von Foerster, 2008, Wahrheit ist die Erfindung eines Lügners, S. 41. Wie problematisch unsere Sprache – aber insbesondere unser Sprachgebrauch – ist, habe ich ja bereits erörtert.
[9] Heinz von Foerster, 1993, Wissen und Gewissen, S. 353.
[10] Ebd., S. 49; Bernhard Pörksen, Heinz von Foerster, 2008, Wahrheit ist die Erfindung eines Lügners, S. 36. Das Wunderbare ist, dass Heinz von Foerster direkt nach der Formulierung seines ‚Imperativs‘ Bedenken kommen, man könne denken, er wolle jemanden herumkommandieren. „Das war also etwas schlampig formuliert. Besser wäre es gewesen, wenn ich geschrieben hätte: „Heinz, handle stets so, daß die Anzahl der Möglichkeiten wächst.“ Ebd., S. 36. Genau so sollte man das formulieren.