Mehr Synthese wagen

Mehr Synthese wagen? [1] Warum?

In seinem Buch „Aus dem Nichts. Über die Kreativität von Natur und Mensch“ beschäftigt sich der Physik-Nobelpreisträger Gerd Binnig mit – das legt schon der Subtitel irgendwie nahe – Kreativität. Er versteht den Begriff sehr weit gefasst und abweichend von den üblichen Definitionen [2] als „Ermöglichen neuer Wirkungseinheiten“ [3] und auch wenn es im Buch um den Weg zur Entwicklung des Rastertunnelmikroskops (dafür gab es den Nobelpreis), also einen naturwissenschaftlichen Kontext geht, hält er die „Mechanismen“, die zu Kreativität führen, für die immer gleichen, egal, ob es sich um Kunst oder Wissenschaft oder sonst was handelt. [4] Wir haben es also mit einem umfassenden, alle möglichen Domänen und/oder Situationen betreffenden Phänomen zu tun; auch wenn der „Stoff“, so Binnig, immer wieder ein anderer ist, bleibt das „Spiel“ damit das gleiche. [5]

Das „Ermöglichen neuer Wirkungseinheiten“, also das Kreativsein, umfasst Binnig zufolge zwei Aspekte, nämlich Synthese und Analyse:

„Das sind auch zwei Begriffe, die einander polar gegenüberstehen, die aber auch direkt in einer Wechselwirkung miteinander stehen. Meine Behauptung ist, daß menschliche Kreativität das Wechselspiel ist zwischen Synthese und Analyse. Synthese würde ich als den Versuch definieren, neue Wirkungseinheiten zu finden, indem ich z.B. zwei Dinge, die bereits bekannt sind, auf der nächsthöheren Etage zu kombinieren versuche. Die Analyse besteht dann darin, herauszufinden, ob es sich hier wirklich um eine neue Wirkungseinheit handelt und wie bedeutend sie ist.“ [6]

Die Synthese sichtet also Bekanntes und Unbekanntes, erkennt Variationen eines Themas, denkt über (neue) Möglichkeiten nach, stellt Verbindungen her, ordnet und sucht immer wieder nach Überschneidungen und Gemeinsamkeiten, während die Analyse das so Geschaffene auseinander nimmt und kritisch prüft. Beide befruchten sich dabei gegenseitig. So gewinnt die Synthese aus den Schlüssen, welche die Analyse zieht, neue Ideen, die dann wiederum auf den Prüfstand der Analyse kommen. [7] Binnig meint, Synthetiker werden häufig als „Spinner“, Analytiker als „Klugscheißer“ oder „Besserwisser“, freundlicher auch als „Kritiker“ bezeichnet. Aber:

„Man braucht Spinner, die immer wieder neue Elemente kreieren, und man braucht Kritiker, die das Neugeschaffene analysieren.“ [8]

Soweit. Synthese und Analyse kommen nicht ohne einander aus, wenn der kreative Prozess zu einem sinnvollen Ergebnis führen soll; sie stehen miteinander in Wechselwirkung [9] und haben die gleiche Wertigkeit. Warum also mehr Synthese?

1. Hier geht es nicht um Naturwissenschaften. Davon habe ich (leider, aber ich bemühe mich immer wieder) nicht so viel Ahnung. Der Blog nimmt vielmehr einen geisteswissenschaftlichen/gesellschaftlichen/sozialen/politischen Blickwinkel ein.

2. Meines Erachtens gibt es Zeiten, in denen das Augenmerk eher auf die Analyse gerichtet werden sollte, und andere Zeiten, in denen die Synthese im Vordergrund steht. Zeiten der Analyse sind – und das ist jetzt vereinfacht und überhaupt nicht analytisch und differenziert betrachtet – solche, in denen wir uns (relativ) sicher fühlen, auf einer wie auch immer gearteten gemeinsamen sozialen Basis stehen und uns von dieser Basis ausgehend mit den Details, den Abgrenzungen und Unterschieden, den Verästelungen und Differenzierungen befassen können und wollen. Zeiten, in denen der Synthese mehr Raum gegeben werden sollte, sind eher von Unsicherheit, Ungewissheit, Ambiguität und Kontingenzen geprägt. Es ist in solchen Zeiten wichtig, Gemeinsamkeiten, Verbindungen und Möglichkeiten hervorzuheben, um der Verunsicherung nicht zu erliegen. Wie gesagt, es gibt hinsichtlich Synthese und Analyse nie ein Entweder-Oder. Aber unser Blickwinkel kann sich leicht auf die eine oder andere Seite verschieben.

3. Wir leben gerade in unsicheren Zeiten. Als in den 80ern und 90ern geprägter Mensch hadere ich in besonderer Weise damit. Anders als zumindest vage erhofft, hat die Geschichte kein Ende gefunden [10] und Orientierungslosigkeit macht sich breit. Religionen geben (bald) keinen Halt mehr und Gesellschaften können sich angesichts zunehmender Globalisierung nicht länger abschotten. In vielen (westlichen) Ländern versprechen bestimmte politische Richtungen – mal wieder – einfache Lösungen für komplexe Probleme, die niemals eingelöst werden können. [11] Um konkrete Lösungen sollen auch in diesem Blog nicht gehen. Mein Ziel ist eher die Beförderung einer Haltung, eines Habitus [12], der helfen soll, in der heutigen Zeit ein gutes Leben zu führen. Ein ziemlich verwegener Anspruch, aber vielleicht kommt hier der synthetische Spinner ein wenig durch.

4. Wer ist ‚wir‘? Wie gesagt, geprägt in den 80ern und 90ern des letzten Jahrhunderts, stand eher das Individuum im Zentrum meines Denkens. Die letzten 20 Jahre haben jedoch klar gezeigt, dass die Vernachlässigung von Kollektiven gesellschaftlichen Zusammenhalt gefährdet, ohne den Menschen nicht existieren können. Wir sind nunmal Wir-Wesen. Geklärt werden muss dabei kontextabhängig immer wieder, welches Wir das jeweils ist, wie und unter welchen Bedingungen es sich verändert und ob sich ein Wir-Begriff finden lässt, der flexibel, aber auch beständig genug ist, um die oben beschriebenen Haltung zu befördern.

5. In dem Blog soll nichts Abgehobenes verhandelt werden. Eher Phänomene, die uns alltäglich begleiten und begegnen. Dinge, die ich erlebe, sehe, lese …

Na dann, lasst uns mehr Synthese wagen.

[1] Stimmt, der Name meines Blogs erinnert durchaus an die Aufforderung „Wir wollen mehr Demokratie wagen“, die der Regierungserklärung des damaligen Bundeskanzlers Willy Brandt vom 28. Oktober 1969 entstammt.

[2] Darüber, was „Kreativität“ eigentlich sein soll, werden schon lange heftige, aber auch interessante Diskussionen geführt. Immerhin ist man inzwischen soweit anzuerkennen, dass dieses Phänomen nichts Abgehobenes, genialen schöpferischen Leistungen Vorbehaltenes ist, sondern auch mit unserem alltäglichen Leben zu tun hat. In den Details wird es differenziert, aber wirklich sehr grob gesprochen geht es immer wieder um zwei wesentliche Kriterien, die eine kreative Leistung auszeichnen: die Neuartigkeit und die Nützlichkeit oder Wertigkeit. Einen schönen Überblick gibt Martin Dresler & Tanja G. Baudson (Hrsg.), 2008, Kreativität.

[3] Gerd Binnig, 1989, Aus dem Nichts, S. 27.

[4] Vgl. ebd., S. 14.

[5] Vgl. ebd., S. 14.

[6] Ebd., S. 85.

[7] Vgl. ebd., S. 87.

[8] Ebd., S. 85. Laut Binnig tendieren Menschen eher zu der einen oder anderen Unterart von Kreativität; man ist also eher Synthetiker oder eher Analytiker. Lediglich Genies verfügten über beides in ausgeprägtem Maße (vgl. ebd., S. 85).

[9] Mit der Wechselwirkung ist das so eine Sache. Obwohl wir uns mittlerweile zu der Erkenntnis durchgerungen haben, dass viele Zusammenhänge nicht linear, sondern als Ergebnis von Wechselwirkungen zu denken sind, fällt gerade dieses Denken nicht leicht. Rudolf Arnheim sagt dazu: „Als ein kognitives Problem bereitet die Wechselwirkung auf allen Stufen des theoretischen Denkens beträchtliche Schwierigkeiten; als ein praktisches Problem der sozialen Beziehungen von Mensch zu Mensch meistert es mancher sein Leben lang nicht.“ (Rudolf Arnheim, 1988 (1977), Anschauliches Denken, S. 249) Und: „Der Prozeß der Wechselwirkung zum Beispiel scheint dem forschenden Verstande nicht unmittelbar zugänglich zu sein. (…) Mit dieser Art von Wechselwirkung, die ja allenthalben anzutreffen ist, kann sich der Verstand nur so abfinden, daß er ihre Komponenten oder ihr Endergebnis aufzeigt.“ (Ebd., S. 266) Recht hat er, hilft nur nichts. Wir müssen mit dem wesentlich komplexeren Denken in Wechselwirkungen anfreunden.

[10] Francic Fukuyama hat 1992 nach dem Ende des Kalten Krieges etwas vorschnell das „Ende der Geschichte“ ausgerufen (Francis Fukuyama, 1992, The end of history and the last man).

[11] Ob derartige Lösungen prinzipiell wünschenswert wären, kann erstmal dahingestellt bleiben.

[12] Bourdieu hat das nicht schlecht beschrieben, indem er sagt, Habitus sei ein „System von Erzeugungsmustern“, eine „die Praxis wie deren Wahrnehmung organisierende Struktur“ (Pierre Bourdieu, 1987, Die feinen Unterschiede, S. 278f.).