Aus den Tiefen des Konstruktivismus (1)

Ich bin Konstruktivist.[1] Kann man das so einfach behaupten? Natürlich. Ergibt die bloße Behauptung irgendeinen Sinn? Natürlich nicht. Die Materie ist durchaus nicht un­terkomplex und den Konstruktivismus, zu dem man sich ohne weitere Erläuterung der eige­nen Position bekennen könnte, gibt es nicht.

Es ist noch nicht so lange her, dass ich mich überhaupt mit konstruktivistischen Thesen und Theorien auseinandergesetzt habe. Glücklicherweise habe ich gleich mit den Klassikern be­gonnen[2] und mich, sozusagen auf gefestigter Basis, erst später mit abgeleiteten oder – wenn man es harsch ausdrücken will – weichgespülten Ansätzen befasst. Mir ging es bei der Lek­türe so, wie einer der wesentlichen Protagonisten des sog. ‚radikalen’ Konstruktivismus, Ernst von Glasersfeld, es beschreibt: „So viel wird im täglichen Leben einfacher, wenn Du Konstruktivist bist.“[3]

Zum einen, weil ich das Format eines Blogs gewählt habe, zum anderen, weil der Konstruktivismus nicht das Zentrum, sondern nur die Grundlage meiner auf synthetische Ideen ausgerichteten Schreibereien ist, fasse ich mich bei der Beschreibung meiner konstruk­tivistischen Überzeugungen (viel zu) kurz. Dabei schweben mir zwei Arten idealer Leser vor: der eine ist schon vorgebildet und mit den genannten Autoren und ihren Thesen vertraut, der andere würde dies zum Anlass nehmen, sich mit dem Konstruktivismus überhaupt ein­mal auseinander zu setzen.[4] Es lohnt sich (meines Erachtens) auf jeden Fall.

Ernst von Glasersfeld begreift Konstruktivismus als „Auffassung des Wissens“ oder „Wis­senstheorie“[5] und möchte mit der Bezeichnung seiner konstruktivistischen Sicht als „radikal“ darauf hinweisen, dass „alles Wissen, wie immer man es auch definieren mag, nur in den Köpfen von Menschen existiert und daß das denkende Subjekt sein Wissen nur auf  der Grundlage eigener Erfahrungen konstruieren kann.“[6] Dies deshalb, weil der Mensch – gerade weil seine Sinnesorgane das tun, was sie tun[7] – nicht dazu in der Lage ist, seine Umwelt in ‚objektiver’ Weise wahrzunehmen; es ist ihm schlicht unmöglich, seine persönliche Wahrnehmung mit der die Wahrnehmung auslösenden ‚Wirk­lichkeit’ abzugleichen.[8] Verkürzt gesagt: Wir ‚wissen’ nicht, ob eine ‚reale’ Welt da draußen existiert, geschweige denn wie genau sie aussieht, sich anhört, sich anfühlt …

Auf der Basis dieser revolutionären Feststellung[9] ergeben sich (u.a.) folgende Überlegungen:

  • „Wahrnehmung und Erkenntnis wären demnach also konstruktive und nicht abbil­dende Tätigkeiten.“[10] Unsere Sinne liefern lediglich Material für (äußerst subjektive) In­terpretationen.
  • Durch diese (subjektiven) Interpretationen gelangen Menschen zu völlig unterschiedlichen Ergebnissen. Kategorien wie ‚wahr’ und ‚falsch’, die sich an einer vermeintlichen ‚Wirklichkeit’ orientieren, sind daher (eigentlich) obsolet.[11]
  • Dass Menschen ein (weitgehend) störungsfreies Leben führen können, hängt nicht da­von ab, dass sie gelernt und erkannt haben, wie es in der ‚Wirklichkeit’ zugeht, son­dern davon, dass sie Problemlösungen finden, die funktionieren. Es geht nicht darum zu „wissen was“, sondern zu „wissen wie“.[12] Für die Beschreibung des Verhältnisses zwischen Erlebnissen und ‚Wirklichkeit’ ersetzt Ernst von Glasersfeld daher den Be­griff der ‚Wahrheit’ durch den der Viabilität. Dieser bezieht sich nicht auf Korre­spondenz, sondern auf Passung im Sinne eines Funktionierens oder einer Brauchbar­keit.[13] Dies gilt sowohl für die sensomotorische Ebene, also unsere Handlungen, als auch für die geistige oder begriffliche Ebene, wo Viabilität „nicht an ihrem praktischen Wert gemessen [wird], sondern an dem Grad ihrer widerspruchs- und reibungslosen Einpassung in das größtmögliche begriffliche Netzwerk.“[14]
  • Es ist daher – wie Ernst von Glasersfeld ausführt – für unser Handeln und unser Den­ken absolut irrelevant, ob wir uns ein „wahres Bild der ontischen Wirklichkeit“ ma­chen; alles, was wir zum Überleben benötigen, ist eine Vorstellung, die es erlaubt „Zusammenstöße mit den Schranken der Wirklichkeit“ zu umgehen und an unser Ziel zu kommen.[15]
  • Sicherheit, vermeintliche Objektivität, ‚Wirklichkeit’ entsteht, wenn Menschen durch permanentes Vergleichen[16] auf Invarianten[17] stoßen, auf Wiederholungen. Abhängig da­von, als wie verlässlich sich etwas erweist, erlebt der Mensch diese Konstanten als ‚gegeben’.
  • Zur Erfahrung von ‚Wirklichkeit’ trägt bei, dass unser eigenes Erleben von anderen Menschen bestätigt wird. „Intersubjektive Wiederholung von Erlebnissen liefert die sicherste Garantie der „objektiven“ Wirklichkeit.“[18]
  • So bauen Menschen Wissen auf, „das es uns ermöglicht, in der Welt unseres Erlebens Ziele zu erreichen, die wir uns selber setzen.“ Es „reicht vollauf aus, um Wissenschaft, Philosophie und Kunst zu rechtfertigen.“ [19]

[1] Mir dieses Etikett anzuheften ist eine schwierige Sache. Viele von denen, die heute etwas undifferenziert als ‚Konstruktivisten’ bezeichnet werden, würden sich selbst nicht unter dieses Begriff subsumieren. Man kann es mit Heinz von Foerster sagen: „Wenn jemand von Konstruktivisten und Realisten, Objektivisten, Subjektivisten und Postmodernisten spricht und diese ganze Terminologie ins Spiel bringt, würde ich am liebsten sagen: „Vielen Dank, mir reicht’s, ich gehe ins Kino. Das ist interessanter!“ (Bernhard Pörksen, Heinz von Foerster, 2008, Wahrheit ist die Erfindung eines Lügners, S. 44). Recht hat er. Die Verwendung solcher Begriffe hat nur einen Vorteil: man weiß relativ rasch, wenn auch nur ungefähr, mit wem man es zu tun hat. Ich werde mir dieses Etikett also umhängen, möchte es aber so verstanden wissen, dass es lediglich eine „skeptische Haltung“ ist, „die die Selbstverständlichkeiten des Realismus in Zweifel zieht“ (ebd., S. 45).

[2] Ernst von Glasersfeld, Heinz von Foerster und Gregory Bateson bilden, auch wenn und vielleicht gerade weil sie das Phänomen aus völlig unterschiedlichen Perspektiven beleuchten, den Kern der Autoren, die meine (nicht naturwissenschaftliche) konstruktivistische Weltsicht geprägt haben. Geht man mit einem synthetischen Blick an die Lektüre heran, ergeben sich viele Übereinstimmungen, von denen aus weitergedacht werden kann. Daneben gibt es viele weitere kluge Köpfe, die sicherlich hier und da in diesem Blog noch Beachtung finden werden.

[3] Ernst von Glasersfeld, 1997, Radikaler Konstruktivismus, S. 328. Heinz von Foerster beschreibt die Begegnung mit konstruktivistischem Gedankengut so: „ich hatte das Gefühl, eine Bürde losgeworden zu sein, frei zu werden, ich fühlte mich erleichtert. Jetzt kann ich, so schien es mir, endlich meine Arme ausstrecken und das Offene des Horizonts genießen, jetzt kann ich meine Seele fliegen lassen und zum Vogel werden, der die gesamte Fülle sieht.“ (Bernhard Pörksen, Heinz von Foerster, 2008, Wahrheit ist die Erfindung eines Lügners, S. 39).

[4] Beginnen kann man gut mit Bernhard Pörksen (Hrsg.), 2014, Schlüsselwerke des Konstruktivismus.

[5] Ernst von Glasersfeld, 1997, Radikaler Konstruktivismus, S. 23. Weiter verbreitet ist die Einordnung konstruktivistischer Ansätze als epistemologische, also erkenntnistheoretische Theorien, doch verleitet diese Einordnung von Glasersfeld zufolge zu der Vorstellung, dass Menschen als tabula rasa in eine bereits existierende Welt hineingeboren werden und den Rest ihres Lebens damit beschäftigt sind, diese Welt zu erkennen, sie sich anzueignen.

[6] Ebd., S. 22.

[7] Das kann man bei Heinz von Foerster wunderbar nachlesen: Entdecken oder Erfinden. Wie lässt sich Verstehen verstehen?, in: Einführung in den Konstruktivismus, 2016, S. 41-88. Ein bisschen einfacher (und vor allem weniger mathematisch) kann man seinen Gedankengang in dem Interview, das Bernhard Pörksen mit Heinz von Foerster geführt hat, nachvollziehen: Wahrheit ist die Erfindung eines Lügners, 2008, S. 15ff.

[8] Vgl. Ernst von Glasersfeld, 2016, Konstruktion der Wirklichkeit und des Begriffs der Objektivität, in: Einführung in den Konstruktivismus, S. 12. Der hier abgedruckte Vortrag Ernst von Glasersfelds ersetzt natürlich nicht die Lektüre des in Endnote 2 erwähnten Grundlagenwerks, ist jedoch eine gute Einführung und fasst die wesentlichen Thesen zusammen.

[9] Leider hat sich konstruktivistisches Gedankengut (noch) nicht nachhaltig durchgesetzt. Meinem Bedauern darüber werde ich sicherlich noch an vielen Stellen Ausdruck verleihen. Insofern ist es natürlich vermessen, von „Feststellung“ zu sprechen, es mag mir, als überzeugtem Konstruktivisten, jedoch vielleicht verziehen werden.

[10] Ebd., S. 30.

[11] Vgl. ebd., S. 32.

[12] Ebd., S. 13.

[13] Vgl. ebd., S. 19ff. Umgekehrt gilt, wie Heinz von Foerster klarstellt, dass das bloße Funktionieren einer Hypothese keinesfalls ein Wahrheitsbeweis ist. „Das Funktionieren ist ein Beleg für das Funktionieren.“ (2008, Wahrheit ist die Erfindung eines Lügners, S. 31.) Wunderbarerweise sagt Heinz von Foerster zum Funktionieren weiter: „Aber dieses Funktionieren läßt sich doch als eine Serie von Wundern begreifen, die man feiern, über die man sich freuen kann. Es geht darum, nicht zu stolpern in dieser Welt. Und wenn uns dies gelingt, wäre das doch schon Anlaß genug, um gemeinsam eine Flasche Champagner zu entkorken.“ (ebd., S. 32).

[14] Ernst von Glasersfeld, 1997, Radikaler Konstruktivismus, S. 122.

[15] Ernst von Glasersfeld, 2016, Konstruktion der Wirklichkeit und des Begriffs der Objektivität, S. 22.

[16] George Spencer Brown: „Draw a distinction and a universe comes into being“ (1969, Laws of Form, ich weiß allerdings die Seite nicht mehr). Mit dem Akt des Unterscheidens als Fundamentaloperation unseres Denkens hat sich Gregory Bateson intensiv auseinandergesetzt (1985, Ökologie des Geistes, S. 576ff.). Ernst von Glasersfeld und Heinz von Foerster beziehen sich in dieser Hinsicht häufig auf Bateson.

[17] Heinz von Foerster nennt diese Invarianten „Eigenwerte bzw. Eigenverhalten“ (2008, Wahrheit ist die Erfindung eines Lügners, S. 61).

[18] Ebd., S. 33. Natürlich muss man bei dieser Behauptung im Hinterkopf behalten, dass es grundsätzlich ausgeschlossen ist, dass zwei Menschen exakt dieselben Erlebnisse haben. Allerdings können die Erlebnisse so ähnlich wahrgenommen und/oder kommuniziert worden sein, dass sie als übereinstimmend erscheinen.

[19] Ebd., S. 39. Leider belässt es Ernst von Glasersfeld nicht dabei, sondern formuliert weiter:  Auch wenn das Wissen nur „in die Hohlräume der Wirklichkeit paßt und sie darum nicht ikonisch widerspiegeln kann“, erlaubt es uns, „zwischen subjektiven Hirngespinsten und der objektiven Erlebenswelt der Gemeinschaft zu unterscheiden.“ Den zweiten Teil dieser Aussage kann man natürlich nicht einfach so stehen lassen. Es ist ausgesprochen schwierig, zwischen subjektiven Vorstellungen und einer – allenfalls – objektivierten intersubjektiven Erlebenswelt zu unterscheiden, zumal sich auch hier Wechselwirkungen ergeben. Dazu mehr bei „Aus den Tiefen des Konstruktivismus (2)“.